Der Baikalsee entwickelt sich seit den 90er Jahren in einem unbeschreiblichen Tempo zu einem beliebten innerrussischen Urlaubsziel, das als Alternative zum schwarzen Meer hinhalten muss. Dementsprechend nehmen die negativen Einwirkungen auf die Natur in der theoretisch unter Schutz stehenden Uferregion erheblich zu. Inzwischen zaehlt der Tourismus zu den groessten Gefahren fuer die empfindliche Natur und fuer die Suesswasserreserven des Sees. Mal wieder sind es NGOs, die versuchen, die Entwicklung auf eine umweltvertraegliche Bahn zu lenken.
Die Situation
Die Weite der Natur in Sibirien ist fuer einen Europaeer unvorstellbar. Hier trifft man fernab von Siedlungen auf tatsaechlich (noch) unerschlossene Gebiete, Natur ist Natur im Sinne von Wildnis, nicht im Sinne von Kulturlandschaft.
In diese Regionen zieht es immer mehr russische Urlauber. Hotelbesitzer kommen dem Beduerfnis vieler Besucher entgegen, mit dem eigenen Auto auch Regionen zu erschliessen, die vor dem Zusammenbruch der Sovjetunion mit dem Zug als Hauptverkehrsmittel unerreichbar waren. Sie bauen daher fern ab von Siedlungen, haeufig ohne Genehmigung, dort, wo der Ausblick auf den See am schoensten ist. Leider ist den meisten weder klar, noch ist es ihnen wichtig, dass allein durch die damit verbundene Infrastruktur wertvolle Steppengebiete zerstoert werden. Geld ist das was zaehlt, nicht die Natur.
Auch die meisten Gaeste eint ein umweltschaedigendes, paradoxes Verhalten: Sie entfliehen dem Laerm und Dreck einer Stadt durch eine Fahrt in die Natur, schaffen dort aber eben solche Umstaende. Dass die Steppe nicht nur eine riesige befahrbare Flaeche, sondern das Habitat einer weltweit einzigartigen Fauna und Flora ist, das in natuerlichem Zustand nach Thymian und anderen Kraeutern duftet, ist dem Grossteil der Touristen nicht klar. So werden die einzigartige Tazheranskii-Steppe und die Weltnaturerbestaette Baikalsee um inoffizielle Muellhalden, laermende Motorboote und laute Musik bis spaet in die Nacht „bereichert“. Auch die letzten 100 Meter vom Schlafzimmer bis ans Ufer werden mit dem Jeep zurueckgelegt. Die daraus resultierende zunehmende Fragmentierung und Erosion sind Stoerfaktoren, von denen sich die Vegetation wenn ueberhaupt nur sehr langsam regenerieren wird.
Das sogenannte Maloe More (Kleines Meer), dessen Kueste wie der gesamte suedwestliche Uferstreifen im Pribaikalskii Nationalpark liegt, ist vom Touristenandrang besonders betroffen. Denn hier, zwischen der Insel Olchon und dem Festland, ist das Wasser im Sommer besonders warm. Unterkuenfte schiessen hier wie Pilze aus dem Boden - auch auf aktuellen Karten aus dem Jahr 2008 sind schon nicht mehr alle Touristenstationen erfasst. Zwar soll laut IUCN-Vorgabe Tourismus in Nationalparken gefoerdert werden, um ihn als finanzielle Quelle fuer den Schutz zu nutzen und Besuchern eine intakte Natur nahezubringen. Das Problem am Baikalsee ist aber, dass sich der Tourismus ohne Planung und Kontrolle, ueber den Kopf des Nationalparks hinweg entwickelt.
Gruende fuer diese Entwicklung
Die Unterstuetzung des Naturschutzes durch die Regierung ist minimal. Im Jahre 2000 wurde das staatliche Komitee fuer Umweltschutz (Goskomekologija) in das Ministerium fuer natuerliche Ressourcen integriert. Da das Hauptziel dieses Ministeriums die Erschliessung neuer Ressourcen ist, kann man sich ausmalen, in welchem Masse der Naturschutz von dieser Fusion profitiert hat. Ein Ergebnis ist jedenfalls, dass Nationalparkverwaltungen gaenzlich unterversorgt sind.
Dem Pribaikalskii Nationalpark zum Beispiel, der sich ueber ein Gebiet von rund 400000 ha ausdehnt (einer Flaeche doppelt so gross wie das Saarland), stehen 220 Mitarbeiter zur Verfuegung. Hauptsaechlich sind dies Waldarbeiter, vier Biologen repraesentieren das wissenschaftliche Personal.
Aus dieser Unterbesetzung resultiert, dass der Nationalpark keine Praesenz zeigen kann, was wiederum zu einer voelligen Untergrabung seiner Autoritaet und somit zu weitaus weniger Kontrollen des Gebietes als noetig fuehrt. Und die Tourismusindustrie ist nur eins von unzaehligen Problemen, mit denen sich die Nationalparkverwaltung konfrontiert sieht.
Die Gesamtanzahl der Touristenstationen ist unbekannt. Es wird nicht nachgeprueft, auf welchem Wege ein Paechter an sein Stueck Land gekommen ist oder ob er gar illegal auf Nationalparkgrund gebaut hat; genauso wenig wird kontrolliert, ob kleine Nationalparkgebiete illegal von der Siedlungs-Verwaltung an Privatunternehmer geleast werden. Die derzeitigen Gesetze erlauben es der National Park Verwaltung nicht, Gelder aus dem Tourismus zu beziehen. Daher bleibt ihnen diese Einnahmequelle, die die Finanzierung angemessener Kontrollmassnahmen ermoeglichen wuerde, verwehrt.
Als ein weiterer Grund fuer den Zustand der Natur kann ein Mangel an Kenntnissen ueber die Folgen des eigenen Handelns genannt werden. Leider wird Umweltbildung in der schulischen Ausbildung kaum oder gar nicht beruecksichtigt, alternative umweltvertraegliche Handlungsmoeglichkeiten sind Hotelbesitzern und Touristen daher weitgehend unbekannt und dem Naturschutz wird wenig Verstaendnis entgegengebracht. Ausserdem liegt es in der Natur des Menschen zu denken, die unendliche Wildnis biete ja noch genug schoene Nischen, in die man sich als Tourist zurueckziehen kann. Wenn die Verschmutzung ueberhand nimmt, gehen wir eben anderswo hin!
Perspektiven
Mit den wenigen zur Verfuegung stehenden Mitteln kann zumindest durch Kommunikation an einem Verstaendnis fuer die Umweltschutzrelevanz im lokalen Tourismus gearbeitet werden. Umweltbildung ist das Stichwort.
Die Aufarbeitung dessen, was in der Schule vernachlaessigt wurde, ist hauptsachlich Aufgabe von Umweltorganisationen. Um das Tourismusproblem zu erfassen hat die „Baikalwelle“ 2007 ein Projekt ins Leben gerufen, in dessen Rahmen jaehrlich ein Seminar fuer Hotelbesitzer abgehalten wird. Hier werden Sie ueber Moeglichkeiten der Minimierung negativer Auswirkungen ihrer Hotelanlage auf die Umgebung aufgeklaert; ausserdem wird ihnen die Aufgabe auferlegt, ihre Gaeste ueber die Naturschutzthematik aufzuklaeren.
Als weiterer Bestandteil des Projekts findet im Sommer der Wettbewerb „Freunde des Baikals“ statt, der mit einem regionalen westeuropaeischen Zertifizierungssystem vergleichbar ist.
Der Wettbewerb. Teilnehmende Hotels werden nach oekologischen, sozialen und kulturellen Kriterien evaluiert, dem Sieger wird der Titel „Freunde des Baikals“ verliehen und er erhaelt Unterstuetzung regionaler und internationaler Medien. Um Impulse von dauerhafter Wirkung geben zu koennen, erhalten alle Teilnehmer einen Feedbackbogen und, je nach ihrer oekologischer Qualitaet, bis zu fuenf gruene Blaetter (aehnlich den Sternen in der Komfortbewertung), die sie zur Verbesserung ihres umweltfreundlichen Wirtschaftens animieren sollen. So soll die Entwicklung der lokalen Hotelindustrie auf eine nachhaltige Bahn gelenkt werden.
Die Kriterien des Wettbewerbs sind denen fuer regionale europaische Zertifikate in der Grundstruktur sehr aehnlich (im Nachhinein hat sich gezeigt, dass z.B. grosse Aehnlichkeit zum Label „naturparkfreundliche Unterkunft“ im Naturpark Harz besteht). Dennoch sind sie an hiesige Bedingungen angepasst. Ein Unterschied ist zum Beispiel, dass Muell und Abwasser auf einer offiziellen Muellhalde entsorgt werden muessen. Ein weiteres wichtiges Kriterium ist. Dass Unterkuenfte sich innerhalb der Siedlungen befinden sollten, anstatt sich in die Natur auszubreiten.
Allerdings wird der Wettbewerb nicht als Zertifikat aufgefasst. Denn ein solches mit viel Buerokratie und hohem Kostenaufwand verbundenes System wuerde die meisten der frischgebackenen Hotelbesitzer eher von der Teilnahme abschrecken. Die Evaluierungsbesuche sollen als Unterstuezung aufgefasst werden. Nicht als eine Bewertung „von oben“ sondern als ein Angebot zur Kommunikation und Zusammenarbeit.
Erfolg!
Rueckmeldungen fallen sehr positiv aus, wenn auch die Gruppe der Interessenten relativ klein ist: Die Teilnehmerzahl ist gestiegen, das Interesse der regionalen Presse nimmt zu. Die Ratschlaege der Jury wurden im letzten Jahr in den meisten Faellen angenommen und mehr als die Haelfte der Teilnehmer des letzten Jahres haben sich in 2008 erneut angemeldet. Die Anzahl der Unternehmer, die eine saubere Umgebung als wirtschaftliches Potential erkannt haben, nimmt zu. Sie wissen: Nur mit einer intakten Natur koennen sie auch in fuenf Jahren noch Gaeste anlocken.
Wenn allerdings der Wettbewerb im naechsten Jahr nicht stattfinden kann – mal wieder fehlt es an Geldern - ist der nachhaltige Erfolg der ersten beiden Wettbewerbsrunden ungewiss.
Es ist unsere Entscheidung, welche Unterkunft wir uns fuer die „schoenste Zeit des Jahres“ aussuchen. Und demnach liegt es in unserer Hand, ob auch die kommenden Generationen auf Reisen Eindruecke aus der Natur mit allen Sinnen wahrnehmen koennen, oder ob sie sich mit Fotos ihrer Eltern zufrieden geben muessen.
Informieren Sie sich vorab ueber Ihr Urlaubsdomizil!
Umweltfreundliches Reisen In Russland: www.ecosiberia.org
Rating der Wettbewerbsteilnehmer „Freunde des Baikal“ hier